Chronos und Kairos

„CHRONOS“ – „KAIROS“ ODER DIE VERMESSUNG DES UNERMESSLICHEN

Musik im Lauf der Zeit – himmlisch der Länge nach auf den Punkt gebracht

 

Mit einigen Begriffen aus der griechischen Mythologie und Philosophie sind wir zumindest oberflächlich so vertraut wie mit den maßgebenden Termini der gebildeten musikalischen Umgangssprache. Von anderen wiederum haben wir gehört, sie voreilig eingeordnet. Und erstaunt reagieren wir, wenn unter geeigneten Umständen von deren ursprünglicher Bedeutung gesprochen wird. Mit einer solchen Begriffspaarung von höchst unterschiedlicher Bedeutungstransparenz schickt uns Nicolas Altstaedt in diesem Jahr auf die kammermusikalische Entdeckungs- und Selbstvergewisserungsreise. Eine friedliche und zugleich kämpferische Abenteuerlichkeit mit ungewissem Ausgang von Stück zu Stück im Bereich der subjektiven Wahrnehmung und aller daraus resultierenden Schlussfolgerungen. Ein herausfordernd labiles Konzept mithin auf den imaginären Säulen antiker Persönlichkeiten aus der „alt-hellenen“ Erlebens- und Glaubenssphäre. Chronos – in der Mythologie der Gott der Zeit, in der rein griechischen Abteilung freilich unzuständig für das Kapitel Pünktlichkeit. Ihm unterstand, wenn so will, der Ablauf der Zeit. Auf das menschliche Schicksal auf Erden bezogen galt dies in erster Linie für die Lebenszeit. Die Uhr – der außermusikalische Taktgeber – mit all ihren gesellschaftlichen Konsequenzen, mit all ihren den Lauf der Zeit markierenden und zerschneidenden, also auch lebenspraktischen Auswirkungen ist eine späte Erfindung und war für viele Generationen allenfalls eine Informationsquelle in Blickrichtung Kirchturm. Absolventen eines humanistischen Gymnasiums ist es vielleicht noch in Erinnerung, dass von Chronos in den Mythen der Orphiker gesanglich die Rede ist. Im sechsten und fünften Jahrhundert vor Christus behaupteten sie, er selbst – also die Zeit – sei aus düsterem Chaos entstanden und hätte aus dem „Aither“ unseren Erdball gezeugt – seinerzeit als silbernes Welten-Ei beschrieben. Zeit hatte er genug, möchte man hinzufügen. Wenn es auch in der Antike keinen

Chronos-Kult und keine spezielle Ikonographie gegeben hat, so begleitet uns diese seit dem 14. Jahrhundert immer wieder mit Sichel und Stundenglas porträtierte Gestalt Tag für Tag, Stunde für Stunde und in unserer digitalisierten Gegenwart bis auf die Millisekunde durch den datierten Alltag – man denke nur an die lebensrettende Reaktionszeit des Airbag!

spontan an die ägyptische Hauptstadt als multiplizierte oder in genetivisierte Lokalität denken. Auch ein der zeitgenössischen Musik unverdrossen holdes CDLabel trägt diesen Namen und hat ihn im Gedächtnis speziell interessierter Musikfreunde heimisch gemacht. In althergebracht griechischer Wahrheit ist Kairos ein philosophisch-religiöser Begriff für den passenden, für den günstigen Zeitpunkt einer Entscheidung. Im Bereich der Mythologie wird dieser Zeitpunkt sogar in den Stand einer Gottheit erhoben – freilich ohne olympischen Herkunftsnachweis. Chronos also die gleichsam in die Länge gezogene Zeit, Kairos der günstige, aber unter Umständen auch ungünstige Punkt auf der Reise durch die riesige Sanduhr „Welt“. In der biblischen Überlieferung ist von „Gott gegebenen“ Zeitpunkten die Rede, von Möglichkeiten und Gelegenheiten, etwas zu bewegen, in Auftrag zu geben oder eine Mission zu erfüllen. Der italienische Philosoph und Essayist Giorgio Agamben (*1942) deutet Kairos als die Phase messianischer Erfüllung im Sinne von Außerkraftsetzung jenes Gesetzes, in dessen Grenzen Chronos als Wiederholungstäter unterwegs ist.

Welche Chancen, welche Erlebens- und Hörperspektiven eröffnen im Verlauf des Kammermusikfestes die Qualitäten „Chronos“ und „Kairos“ im Hinblick auf Autoren, Kompositionen, ja selbst auf die Interpreten vergangener Zeiten und auf jene leibhaftig Anwesenden am Ort? Längst wissen wir ja um die „himmlischen Längen“ einer Schubert Symphonie, wie sie von Schumann erkannt und euphorisch beschrieben wurden. Wir kennen schier tödliche Langeweile, wenn uns unter Umständen etwa motorisch-mechanisch peinigender Minimalismus auf die Nerven geht. Der günstige Zeitpunkt spielt im Reich des Schaffens, des Komponierens eine entscheidende Rolle. Der Beginn – das erste Thema! – eines Werkes kann Unterpfand für die Erkennbarkeit und Wiederkennbarkeit sein. Alles was wir in diesem Jahr erfahren werden ist den Regeln des Anfangens, des Durchhaltens, des Währens und des Beendens unterworfen. „Schlussakkorde“ wie Olivier Messiaens „Quatuor pour la fin du temps“ oder Dmitri Schostakowitschs 1972 uraufgeführte Sinfonie Nr. 15 op. 141 – die auskomponierte Quintessenz seines Lebens? –, all diese und viele andere „späte“ Werke der Literatur aller Zeiten mit chronischer Musikgesundheit markieren jene Punkte in der Zeit, ohne die wir uns in der Kunst und schon gar nicht im vulgären Leben zurechtfinden können. Dass Schostakowitsch in diesem Symphonikfinale Rossinis „Wilhelm Tell“ und Motive aus Opern Richard Wagners zitiert – und auch Passagen aus der eigenen Werkchronologie! -, das zeigt in einem heiter, aber auch melancholisch timbrierten Schlusskapitel, wie sich Chronos und Kairos posthum in die Haare kriegen. Die eine bleibt ohne die andere Göttlichkeit nicht denkbar. Beide arbeiten bis ans Ende aller Weltentage mit den Komponisten und Interpreten gleichsam an der Vermessung des Unermesslichen, am Gang der Dinge und am Augenblick empfindsamen Innehaltens. Im Juli 2017 könnte unter diesen Umständen – wider alle Mythenphysik – in Lockenhaus die Zeit für eine Weile still stehen.

 

Peter Cossé

 

 
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